Frauen selbst können und sollten Änderungen einfordern und in Erwägung ziehen, Arbeitgeber mit geringem Frauenanteil in Führungspositionen einfach zu meiden und genau diesen Grund auch offensiv zu thematisieren.
Insbesondere in der Tech-Branche können wir durch den vorherrschenden Arbeitskräftemangel Zukunft mitgestalten – wir müssen es nur aktiv wollen und machen.

Dr. Wibke Jürgensen


Zur Person

Dr. Wibke Jürgensen leitet als Dipl.-Informatikerin und promovierte Mathematikerin die Geschäftsstelle der iteratec in Hamburg. Das Unternehmen mit insgesamt sieben Geschäftsstellen und über 400 Mitarbeiter:innen, davon 70 in Hamburg, entwickelt individuelle Softwarelösungen für Kunden aus ganz unterschiedlichen Branchen wie Logistik, Online-Handel, Finance oder für Bildungseinrichtungen.

Ihre wichtigste Aufgabe sieht sie darin, den Team-Erfolg bestmöglich zu unterstützen. Daher stärkt sie seit mehreren Jahren konsequent die Selbstverantwortung der Kolleg:innen und gestaltet im „Strategie Board Organisations-Entwicklung“ der iteratec aktiv die zukünftige Aufstellung für das gesamte Unternehmen.

Was hat Sie in den MINT-Bereich geführt?

Schon in meiner Grundschulzeit habe ich gerne geknobelt, experimentiert und nach Lösungen geforscht. Ob beim Kartenspielen mit meiner Familie oder durch selbstgebaute „Was-passiert-dann-Maschinen“, Mathematik und Technik habe ich immer mit Spielen und Gestalten verbunden. Obwohl meine Eltern selbst keinen Tech-Hintergrund hatten, haben sie mich immer unterstützt und mir immer die Freiheit gelassen, meinen Interessen zu folgen.

Daraus ist über die Jahre zwar keine direkt geplante, aber im Rückblick doch sehr ‘straighte’ Entwicklung entstanden. Ich habe es nie bereut, immer meiner Leidenschaft gefolgt zu sein.

Kamen Sie direkt oder auf Umwegen zu Ihrem jetzigen Beruf?

Meine Vorliebe für Zahlen und Komplexität haben mich zur Mathematik geführt, ohne dass ich damals schon über berufliche Perspektiven nachgedacht hätte.

Während meines Mathematik-Studiums habe ich dann als IT-Werkstudentin in einem Maschinenbau-Unternehmen gearbeitet und dort die Vielfalt und die Gestaltungsmöglichkeiten in IT-Projekten erlebt. Teamarbeit und die Kraft, die sie entfalten kann, haben mich damals sofort fasziniert und begeistern mich noch heute.

Neben der Promotion in Mathematik habe ich dann zusätzlich Informatik studiert. Hier und in der Zusammenarbeit mit Chaosforscher:innen, Arbeits- und Organisationspsycholog:innen und IT‘ler:innen im Graduierten-Kolleg „Komplexe Dynamische Systeme“ habe ich den interdisziplinären Austausch und die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg schätzen gelernt.
Das prägt auch heute stark meine Sicht als Führungskraft: Zusammen und mit unterschiedlichen Sichtweisen lassen sich viel bessere Lösungen entwickeln als allein oder in einer Mono-Kultur.

Nach meiner Uni-Zeit bin ich beruflich bei einem IT-Dienstleister für Software-Projekte eingestiegen. Im Laufe der Zeit übernahm ich dort dann immer weiterreichende Projekt-, Kunden-, Mitarbeiter:innen- und Geschäftsverantwortung und konnte Erfahrungen in internationalen Teams sowie in Konzernstrukturen sammeln.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach dennoch so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich glaube, um mehr Frauen in die Tech-Branche zu bringen und sie v.a. auch dort zu halten, braucht es Initiativen auf ganz unterschiedlichen Ebenen bzw. von ganz verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren: nämlich Eltern, Bezugspersonen und Lehrer:innen, die MINT-Begeisterung bei Mädchen zulassen und fördern. Viele wunderbare Initiativen wie die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ oder die „(Girls) Hacker School“ setzen inzwischen genau hier an und engagieren sich bundesweit. Das Wissen über solche Angebote ist bei Eltern und Bildungseinrichtungen allerdings immer noch begrenzt und allzu häufig hängt es noch vom Engagement einzelner ab, dass interessierte und begabte Mädchen hier wirklich konsequent herangeführt werden.

Die nächste Herausforderung stellt die Wahl eines geeigneten Tech-Studiengangs bzw. eines Berufsfeldes dar. Leider wird IT bzw. Informatik immer wieder auf „Coden“, also das Erstellen von Programmen, reduziert. Dabei entspricht das so wenig der Realität, als würde man eine Fremdsprache nur lernen, um besonders gut Aufsätze in dieser Sprache zu schreiben.

Tech geht weit darüber hinaus. Denn tatsächlich schaffen wir Lösungen für die Zusammenarbeit, entwickeln und restrukturieren Arbeitsabläufe und gestalten Zukunft in häufig sehr interdisziplinär zusammengestellten Teams. Carsharing-Geschäftsmodelle mit aufzubauen, internationale Transportketten zu digitalisieren, Kundenportale neu zu denken ist so viel mehr als „nur“ Code zu entwickeln und zum Laufen zu bringen. Hier sind natürlich auch Unternehmen gefragt, Einblicke zu gewähren und zu unterstützen, um diesem verengten und veralteten Tech-Image entgegen zu wirken und die Vielfalt darzustellen.

Um Frauen in der Tech-Branche zu halten und deren Karrieren zu unterstützen, braucht es meiner Meinung nach auch starke öffentliche Impulse aus Verbänden und Politik. Deutschland ist beim Anteil weiblicher Führungskräfte bereits seit vielen Jahren Schlusslicht im europäischen Vergleich. Ohne dass dies vielen bewusst ist. Wir scheinen lieber stolz auf Führung ohne Frauen zu sein, als durch nachhaltige Erneuerung von Führungsstrukturen Chancen zu nutzen und dadurch Resilienz in Unternehmen und der gesamten Gesellschaft zu stärken. Unternehmen, die es ernst meinen, können sich dabei durchaus Unterstützung holen, z.B. bei der „AllBright Academy“.

Frauen selbst können und sollten Änderungen einfordern und in Erwägung ziehen, Arbeitgeber mit geringem Frauenanteil in Führungspositionen einfach zu meiden und genau diesen Grund auch offensiv zu thematisieren. Insbesondere in der Tech-Branche können wir durch den vorherrschenden Arbeitskräftemangel Zukunft mitgestalten – wir müssen es nur aktiv wollen und machen.

Eine Perspektive stimmt mich dabei zuversichtlich: Agile Prinzipien kommen langsam in Unternehmen an. IT- und Fach-Abteilungen verschmelzen, zunehmend wird damit auch konsequent interdisziplinärer gearbeitet. Ich habe die Hoffnung, dass dadurch auch Quereinstiege in Tech zunehmen, auch und gerade von Frauen. Hier sind dann insbesondere gute Führungskräfte gefragt, denn sie bauen Brücken zwischen Disziplinen, gestalten Zusammenarbeit und machen Tech auch für Frauen nahbar(er).

Welche Hürden müssen Frauen heute in ihrer Tech-Karriere überwinden?

Frauen in der IT müssen viel Geduld mitbringen …

… für Mitmenschen, die ihnen IT oder Technik in einfachen Worten erklären wollen, statt davon auszugehen, dass sie evtl. schon eine ganze Menge davon verstehen und eine sehr spezifische Frage haben.

… für Führungskräfte, die schneller Argumente suchen, warum es so wenig Frauen in Führungspositionen gibt, statt Frauen in Führungspositionen zu bringen.

… für Entscheider, die den Fokus bei der Beförderung von Männern eher auf Chancen und Potenziale richten, bei Frauen jedoch eher Risiken sehen und strukturelle Fragen aufwerfen (die Klassiker: „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ oder „die Frau sei noch nicht soweit“).

… für Unternehmen, die Management-Aufgaben weiterhin mit Persönlichkeits-Stilen verklären, statt so zu konkretisieren, dass diese auch in Teilzeit oder im Job-Sharing funktionieren.

Frauen fallen in der IT weiterhin auf. Nach wie vor ist ihr Anteil in Tech-Studiengängen und auch in Unternehmen niedrig. Was es bedeutet, Teil einer Minderheit zu sein, können nur Betroffene nachvollziehen. Das Fehlen positiver Bezugsgruppen und Vorbilder hat einige meiner Kommilitoninnen und Kolleginnen bewogen, sich andere Berufsumfelder zu suchen.

Daher müssen Frauen in der IT selbst aktiv und kreativ werden und sich:
… Rahmenbedingungen bewusst machen, sich Gestaltungsräume schaffen.
… in der Branche sowie darüber hinaus vernetzen, um bewusst und aktiv Frauen zu unterstützen und Unterstützung zu bekommen.

Und schließlich sollten wir lernen, uns mit Selbstvertrauen in unserer sichtbaren Rolle wohlzufühlen, unsere Erfolge feiern und uns bestimmte Rituale zulegen, die uns so erstmal nur als Frauen offenstehen. Für herausfordernde Termine ziehe ich beispielsweise gerne auffällige Schuhe an – das sorgt dafür, dass Leute sich nicht nur an „die Frau im Termin“ erinnern, sondern mindestens einen weiteren Anker haben ;-)

Gibt es Menschen, die Sie auf Ihrem Weg in der Tech-Branche gefördert haben?

Neben meinen Eltern, die mir beide gezeigt haben, dass Familie und berufliche Verwirklichung sich vereinbaren lassen, und mich immer haben machen lassen, fördert mich vor allem mein Ehemann. Nur durch viel gemeinsame Rücksichtnahme und Abstimmung lassen sich – gerade in Corona-Zeiten – Home-Schooling, Home-Office, Familienleben und Eigenzeit unter einen gemeinsamen Hut bringen. Für uns war immer selbstverständlich, dass wir beide genug Zeit mit unserem Sohn und auch noch miteinander verbringen möchten und dafür unsere Arbeitszeiten bei Bedarf reduzieren würden. Tech-Branche bei mir und Selbständigkeit bei ihm ermöglichen uns diese Flexibilität. Die Hamburger Geschäftsstelle habe ich tatsächlich lange Zeit in Teilzeit geleitet.

Zurückblickend hatte ich weiterhin das Glück, sowohl in der Grundschule als auch auf dem Gymnasium Mathe-Lehrer zu haben, die mir Spaß an MINT vermittelt und mein Talent darin gefördert haben. Zusätzlich waren einige meiner Chefs sehr gute Führungskräfte, die mir vermittelt haben, was Vertrauen, Gestaltungsfreiraum und Empowerment in einem Team bewirken können.

Inzwischen suche ich mir Impulse aktiv in Netzwerken und anderen Branchen, statt passiv auf Förderung oder Änderungen zu warten. Nach wie vor ist der Unconscious Bias in der IT-Branche dafür zu groß und der Frauenanteil ab dem mittleren Management viel zu klein.

Umso schöner ist es dann, Gleichgesinnte – Frauen wie Männer – zu treffen und aus gemeinsamen Projekten heraus Freundschaften aufzubauen.

Welche Tipps und Tricks empfehlen Sie?

Ich möchte Frauen ermutigen: Lasst euch nicht von einem einseitigen Pixel- und Coder-Image abhalten! Kaum eine Branche ist so vielfältig wie die Tech-Branche. Wir arbeiten in strategischen Projekten für führende eCommerce-Konzerne, Logistiker aber auch für Non-Profit Organisationen und Start-Ups. Wir arbeiten an der Digitalisierung von Schulen, an Umweltmonitoring-Systemen, an nahtlosen Lieferketten zwischen Unternehmen und an OpenSource-Lösungen für IT-Security.

Die eigentliche Programmierung ist dabei zwar immer eine wichtige Basis, aber bei Weitem nicht das Einzige, was Tech spannend macht. Es geht mindestens ebenso viel auch darum, das eigentliche Problem von Kunden zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln. Und es geht immer wieder darum Zusammenarbeit zu organisieren und das Zwischenmenschliche zu moderieren.

Gibt es Unterstützungsangebote, die Sie empfehlen können?

Die Tech-Banche ist eine riesige Chance, auch und gerade für Frauen. Hier gibt es so viele Möglichkeiten, gemeinsam die Zukunft zu gestalten – in nahezu jedem Bereich der Gesellschaft und für alle Individuen.

Und natürlich kann jede/jeder Einzelne beitragen: Du bist für mehr Frauen in Tech? Dann bringt mehr Frauen in Tech. Du bist für mehr Frauen in Führungspositionen? Dann bring mehr Frauen in Führungspositionen. (Siehe auch: https://www.allbright-stiftung.de/4x4)

Danke, dass Sie sich für unser Interview die Zeit genommen haben!


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